Bibliotheken sind weit mehr als Aufbewahrungsorte für Bücher: Sie sind Räume des Lesens, der Begegnung und des Lernens – Orte, an denen kulturelle und sprachliche Bildung, Wissen und Teilhabe zusammenkommen. Schon früh wurde ihre Bedeutung erkannt: Nicht zufällig entstand in der Schweiz bereits vor über hundert Jahren die «Schweizerische Volksbibliothek» (heute Bibliomedia), um Lesen und Bildung landesweit zu fördern. Zu den historischen Aufgaben gehörten die Leseförderung ebenso wie der «Kampf gegen die Schundliteratur» oder die Unterstützung des Lesens in anderen (Landes-) Sprachen. Bibliotheken waren stets eng mit Schule und Bildung verbunden – vielerorts ganz konkret als Schulbibliotheken, die den Unterricht unterstützen und ergänzen.
Wie gestaltet sich dieses Verhältnis heute, in einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher und digitaler Veränderungen? Welche Aufgaben übernehmen Bibliotheken im schulischen und ausserschulischen Lernen?
In dieser Ausgabe von leseforum.ch kommen Fachpersonen aus Bibliothekswesen, Forschung und Bildung zu Wort, die neue Erfahrungen, Perspektiven und Handlungsansätze vorstellen und diskutieren. Im Mittelpunkt stehen die Vernetzung von Bibliotheken mit anderen Orten der Leseförderung, Strategien für die Bibliothek der Zukunft sowie die Frage nach der Rolle des Bibliothekspersonals. Wie verändert sich der Beruf, wenn Bibliothekar:innen immer stärker in pädagogische Handlungsfelder hineinwirken? Welche Kernkompetenzen bleiben für die professionelle Identität unverzichtbar – und welche neuen Anforderungen ergeben sich für die Aus- und Weiterbildung?
Zu diesen Fragen geben Beiträge aus verschiedenen Sprachregionen und Ländern Auskunft. Sie zeigen, wie sich Bibliotheken heute als Akteurinnen von Bildung und Kultur verstehen – als Orte des Zugangs, der Begegnung und des selbstständigen Lernens. Mehr
Mariana Steiner berichtet, wie Pädagogische Hochschulen und interkulturelle Bibliotheken gemeinsam auf die Herausforderungen von Mehrsprachigkeit und Diversität reagieren und neue Formen interkultureller Bildungsarbeit entwickeln.
Céline Cerny und Anaïs Mougin nehmen in ihrem Artikel das Thema Inklusion in Bibliotheken auf. Sie berichten von Weiterbildungen für Bibliothekspersonal im Umgang mit sehbeeinträchtigten Kindern und stellen das Projekt «Histoires à ressentir» vor – eine multisensorische Leseförderung, die den Zugang zur Literatur erweitert.
Viktoria Milde und Sandra Steiner Matt beleuchten die Rolle des Bibliothekspersonals als Schlüsselfaktor für erfolgreiche Schulbibliotheken. Sie zeigen, dass eine Schulbibliothek ohne kompetente Fachpersonen kein nachhaltiges Erfolgsmodell sein kann.
Markus Fritz erläutert am Beispiel Südtirols die strukturellen Bedingungen, die den Erfolg von Schulbibliotheken sichern – von Personalfragen bis zur curricularen Verankerung.
Boris Miedl widmet sich der Frage, wie Bibliotheken die Entwicklung von Medien- und Informationskompetenz unterstützen und welche Anforderungen sich daraus für die Berufspraxis ergeben.
Fabio Mercanti reflektiert für den italienischsprachigen Kulturraum, wie sich die traditionellen Konzepte von Lesen und Bildung im Zuge der digitalen Transformation gewandelt haben – und wie Bibliotheken, Politik und Schule darauf reagieren können.
Eine internationale Perspektive eröffnet Sunniva Evjen, die Einblicke in die skandinavische Bibliotheksforschung gibt. Sie zeigt, wie öffentliche Bibliotheken zwischen Neutralität und gesellschaftlichem Engagement balancieren – und auch in Konfliktzeiten offene und zugängliche Orte für alle bleiben.
Ornella Monti, Roberta Zariatti und Smilla Rizzo zeigen am Beispiel der SUPSI-Bibliothek in Locarno, wie auch eine Hochschulbibliothek in Bezug auf neurologische Special Needs zu einer inklusiven Kultur beitragen kann – etwa mit Materialien in leichter Sprache oder in unterstützter Kommunikation.
Petra Hauke beleuchtet schliesslich in ihrem Beitrag die Rolle der Bibliotheken in der Bildung für nachhaltige Entwicklung. Sie versteht Bibliotheken als Lernorte gesellschaftlicher Transformation, in denen ökologische, soziale und kulturelle Nachhaltigkeit erfahrbar wird.
Alle diese Beiträge verdeutlichen, dass Bibliotheken heute weit über ihre klassische Aufgabe der Medienausleihe hinauswachsen. Sie sind Bildungs- und Begegnungsorte, Vermittlerinnen von Wissen und Kultur, Räume der Offenheit und der demokratischen Teilhabe.
Wir hoffen, dass diese Ausgabe die Diskussion über die Rolle und Zukunft der Bibliotheken bereichern kann – nicht nur innerhalb des Bibliothekswesens, sondern auch in Schule, Bildung und Gesellschaft, im Austausch zwischen Bibliothekar:innen und allen, die sich für Leseförderung und Bildung engagieren.
Carlotta Binder und Wolfgang Sahlfeld