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Schweizer Bibliotheken in der Informationsgesellschaft

aus der Nr. 2000 | 9 zum Thema «Bulletin Leseforum Nr. 9»

Priska Bucher

Priska Bucher 1 Schweizer Bibliotheken in der Informationsgesellschaft Lizentiatsarbeit an der Universität Zürich , 1999 Durch die enorme Funktionsvielfalt der Medienkommunikation ist Medienkompetenz heute zu einer unverzichtbaren Voraussetzung zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben geworden . Da ein an Quantität und Komplexität zunehmendes Informa ­ tionsangebot nicht unbedingt eine bessere Informiertheit der Bevölkerung zur Folge hat - sondern im Gegenteil eine grosse Chancenungleichheit im Informationszugang , in der Informationsnutzung und in der Informationsanwendung bewirken kann - ist es wichtig , Leute jeder Bildungsstufe in ihrer Medienkompetenz zu fördern . Hier kann die Bibliothek als Vermittlerin auftreten ; sei es als Ergänzung zur Schule oder zum Arbeitsplatz , sei es für Leute , welche im Berufsumfeld keine Möglichkeit zur Aneignung eines Grundwissens bezüglich Neuer Medien haben oder ihr Basiswissen ( z . B . durch Lesen ) ausbauen möchten : Bibliotheken bieten eine Möglichkeit , kostengünstig zu Informationen , Wissen und zu einem positiven Zugang zu Medien , insbesondere auch zum Buch , zu finden . Lesen wird als Grundwerkzeug oder Schlüssel zur Medienkompetenz gesehen , weil kognitive Fähigkeiten und Arbeitsorganisation , wie sie anhand des Lesens gelernt werden können , Voraussetzungen für den ( sinnvollen ) Gebrauch Neuer Medien sind . Die klassische Bibliothek in ihrer Funktion als Anbieterin und Bewahrerin von Printmedien ist aber aufgefordert , auf technologische Veränderungen zu reagieren , den Benutzerinnen ein umfassendes Medienangebot zur Verfügung zu stellen . Expertenbefragung Um einen Einblick zu erhalten , wie Schweizer Bibliotheken ihren Weg in die Zukunft einschätzen , wurde im Rahmen der Lizentiatsarbeit eine schriftliche Befragung von 2 sechs Leitern verschiedenartiger Bibliotheken durchgeführt . Übereinstimmend herrschte die Meinung , dass Bibliotheken nicht an ihrer Rolle als Buchanbieterin festhalten , sondern für alle Medientypen offen sein sollten , ( zumal bekannt ist , dass sich bei der Erweiterung des Bibliothek - Angebots durch Neue Me ­ dien auch die Ausleihzahlen der Bücher erhöhen ) . Um den künftigen technologischen Herausforderungen gerecht zu werden sind dringende Massnahmen wie Weiterbildung des Personals , Reorganisation und Umstrukturierung der Betriebe notwendig . Als wichtiger Punkt wird auch eine verbesserte Kundenorientierung ( Beratung , benutzerfreundliche Recherche ­ möglichkeiten ) erwähnt . Alle Massnahmen können jedoch ( leider ) aus finanziellen Gründen nur in beschränktem Masse realisiert werden ; und weil eine gesamtschweizerische Koordination bibliothekarischer Weiterentwicklung nur zaghaft zustande kommt , muss jede Bibliothek eine individuelle Lösung finden , wie sie ihre Zukunft gestalten möchte . Bezüglich Leseverhalten befürchten die befragten Bibliotheksleiter einen ( fortschreitenden ) Rückgang der aktiven Leser . Der Umgang mit dem Medium Buch und die Förderung der Kulturtechnik Lesen wird übereinstimmend als unverzichtbare 1 www . leseforum . ch | www . forumlecture . chVoraussetzung für die Alltagsbewältigung und das berufliche Weiterkommen in der heutigen Gesellschaft gesehen . Nicht nur Schulen , sondern auch Bibliotheken sollen daher Unterstützung bieten ( wenn möglich auch durch eine intensive Kooperation von Schule und Bibliothek ) . Von allen Befragten wird die zweifache Bedeutung von Medienkompetenz betont . Was die technische Beherrschung der Neuen Medien anbelangt , so sind alle ziemlich zuversichtlich , obwohl auch betont wird , dass nicht alle Menschen die gleichen Zugangsmöglichkeiten zu Neuen Medien haben , Bibliotheken hier also eine wichtige Funktion wahrnehmen sollten , indem sie Einstiegs - und Übungsmöglichkeiten in allen Medienbereichen und auf jedem Niveau ermöglichen . Wissenschaftliche Biblio ­ theken setzen minimale Kenntnisse eigentlich schon voraus , möchten aber dem Publikum einen optimalen Service bezüglich technischen Innovationen bieten und so den Umgang z . B . mit Internet auf hoher Kenntnisstufe fördern . Was die gezielte Suche , das Verstehen und Verarbeiten von Informationen angeht , wichtige Elemente , die ebenfalls unter den Begriff Medienkompetenz fallen , sind alle Bibliothekare skeptisch und vermuten insofern eine Abnahme der Medienkom ­ petenz . Fallstudie Winterthur Im Falle der Stadtbibliothek Winterthur ergibt sich erfreulicherweise die Möglichkeit , neue Ideen und Ziele nicht nur konzeptionell , sondern auch im Zusammenhang mit neuen Räumlichkeiten zu verwirklichen . Durch eine Zusammenführung der Freihandbibliotheken der Stadtbibliothek ( Studien - und Bildungsbibliothek ) und der Bibliothek Altstadt ( Allgemeine öffentliche Kreisbibliothek ) soll eine grosse Freihandbibliothek im Zentrum Winterthurs entstehen . Um bei der Einrichtung und Organisation der neuen Bibliothek den Bedürfnissen der Benutzerinnen gerecht zu werden , wurden anhand einer Umfrage , an der sich 617 Personen beteiligt haben , umfassende Informationen über das Publikum ermittelt , wobei allgemeine Fragen zur Bibliotheksnutzung , zur Kundenzufriedenheit , zu Wünschen , Erwartungen und Befürchtungen betreffend die neue Bibliothek und zum Leseverhalten gestellt wurden . Dabei interessierte insbesondere welche Erwartungen von den Benutzerinnen an eine zeitgemässe Bibliothek gestellt werden - ob sich in der Mediennutzung , speziell in der Nutzung des Buches , Unterschiede zwischen den Bibliotheksbenutzerinnen und der Durchschnittsbevölkerung aus ­ machen lassen - ob sich in anderen Studien festgestellte bildungs - , geschlechts - und altersspezifische Unterschiede in der Mediennutzung auch innerhalb des Bibliothekspublikums zeigen . Aufgaben einer Bibliothek aus Sicht der Benutzerinnen Das Publikum der Bibliotheken hält insbesondere die klassischen Aufgaben einer Bibliothek ( Unterstützung von Bildung und Weiterbildung und Vermittlung / Bereitstellung von Informationen ) für sehr wichtig . ( Siehe Tabelle 1 ) Bereiche , die neu zu den Aufgaben der Bibliotheken gehören könnten , wie Förderung der Me ­ 2000 / 09 1 . pdf 2dienkompetenz und Hilfe beim Umgang mit neuen Medien , erreichen tiefere Werte : Die Rolle , welche Bibliotheken im Rahmen der technologischen Entwicklung übernehmen könnten , wird vom Publikum noch nicht eindeutig erkannt . Eine direktere Frage nach der erwünschten Hilfe vom Bibliotheks - Personal zeigte aber auf , dass sich 47 % der Befragten Hilfe im Umgang mit Internet wünschen , 46 % möchten Unterstützung beim Suchen im Opac und 34 % wären froh um Beratung im Bereich CD - ROM . Dass die Bibliothek als Veranstaltungsanbieterin auftreten und ein Treffpunkt in Winterthur sein soll , wird nicht als besonders wichtig eingestuft . Um neue Wege im Bibliothekswesen begehen zu können und auch ein Publikum zu erreichen , welches sich sonst nicht in Bibliotheken aufhält , sollten jedoch Versuche mit Veranstaltungen gestartet werden , denn oftmals werden erst vertraute Sachen , die man kennt , als wichtig erkannt . Die Zusammenarbeit mit Schulen wird von einer Mehrheit als wichtig oder sehr wichtig eingestuft ; ein Anliegen , welches ernstgenommen und in konkrete Projekte umgesetzt werden sollte . Auch das Ermöglichen einer sinnvollen Freizeitgestaltung durch ein gutes Medienangebot wird als wichtige Aufgabe einer Bibliothek gesehen . Tab . 1 Angaben in % ( N = 617 ) sehr wichtig wichtig nicht so wichtig Unterstützung von ( Weiter - ) Bildung 79,3 16,2 4,5 Vermittlung / Bereitstellung von 76,2 20,9 2,9 Informationen Zusammenarbeit mit Schulen 45,5 42,0 12,5 gute Freitzeitgestaltung ermöglichen 47,0 39,1 13,9 Veranstaltungen anbieten 10,9 32,9 56,2 Treffpunkt in Winterthur 17,2 35.2 47,6 Hilfe bei Neuen Medien 35,0 43.8 21,2 Förderung der Medienkompetenz 35,3 42,5 22,2 Tab . 2 Anzahl gelesene Bücher Bibliotheksbenutzerinnen Deutschschweizer pro Jahr ( Angaben in % . N = 617 ) ( Angaben in % , N = 512 ) 0 32 1 - 5 3 32 6 - 10 10 14 11 - 20 28 14 21 - 40 32 4 41 - 60 13 1 61 - 100 10 2 über 100 4 1 Lesen Bibliotheksbenutzerinnen mehr als die Durchschnittsbevölkerung ? Um überprüfen zu können , ob sich zwischen Bibliotheksbenutzerinnen und der durchschnittlichen Bevölkerung Unterschiede in der Nutzung des Buches feststellen lassen , wurde im Rahmen der Winterthurer Befragung die gleiche Frage ( Wieviele Bücher haben Sie schätzungsweise letztes Jahr gelesen ? ) gestellt wie in der Univox - 3 Datenerhebung von H . Bonfadelli , Buchlesen in der Schweiz 1997 . Aus einem Vergleich der beiden Darstellungen geht eindeutig hervor , dass Bibliotheksbenutzerinnen deutlich mehr lesen als dies der Durchschnitt der 2000 / 09 1 . pdf 3Deutschschweizer Bevölkerung tut . Über 30 % der Deutschschweizer hat im Jahr 1998 gar kein Buch gelesen , weitere 32 % haben 1 - 5 Bücher gelesen . Im Gegensatz dazu haben rund 1 / 3 der befragten Winterthurer Bibliotheksbenutzerinnen im letzten Jahr 21 - 40 Bücher gelesen , weitere 28 % immerhin 11 - 20 Bücher . Auch in den Kategorien 41 - 60 , 61 - 100 und über 100 sind zusammen beim Bibliothekspublikum 27 % zu finden , während der Anteil so viel Lesender bei den Deutschschweizern insgesamt nur 4 % ausmacht . Sowohl beim Bibliothekspublikum als auch bei den Deutschschweizern insgesamt ist die höchste Lesequantität bei den Befragten bis 20 Jahre zu beobachten , was sich darauf zurückführen lässt , dass sich in dieser Altersklasse die meisten Personen in Ausbildung ( Schule , Lehre ) befinden und erstens direkt für die Ausbildung Bücher lesen müssen , zweitens aber durch die Verbindung mit der Schule noch näheren Kontakt zum Medium Buch haben . Im Vergleich nach Altersklassen lesen aber ebenfalls jeweils die Bibliotheksbenutzerinnen massiv mehr als dies der Durchschnitt der Deutschschweizer tut . Die Winterthurer Bibliotheksbenutzerinnen haben im Durchschnitt 39 Bücher gelesen . Frauen lesen etwas mehr als dies Männer tun ( 43 resp 34 Bücher ) und weisen auch etwas andere Lesepräferenzen auf ( z . B . Verhältnis Sachbuch - Unterhal ­ tungslektüre 1 : 1 , Männer 2 : 1 ) . Geschlechtsspezifische Unterschiede sind also bei Bibliotheksbenutzerinnen genauso zu finden wie im Rahmen von Untersuchungen der Gesamtbevölkerung . Personen mit hohem Bildungsabschluss haben durchschnittlich 70 Bücher gelesen , im Vergleich zu Personen mit mittlerem Bildungsabschluss ( 37 Bücher ) und Personen 4 mit tiefem Bildungsstatus ( 34 Bücher ) . Auch die Korrelation von Bildungsstatus und Leseintensität wurde bereits in anderen Studien bestätigt . Nutzen Vielleser auch andere Medien intensiver ? Nebst der Nutzung des Mediums Buch wurde auch die Intensität der Nutzung anderer Medien untersucht . Dies ermöglicht einerseits eine Einschätzung des Stellenwerts einzelner Medien innerhalb einer untersuchten Gruppe , zeigt aber auch Unterschiede in der Mediennutzung zwischen Bibliotheksbenutzerinnen und dem Durchschnitt der Deutschschweizer auf . Der Vergleich der beiden Befragungen zeigt auf , dass als einziges Medium das Fernsehen von der durchschnittlichen Deutschschweizer Bevölkerung häufiger genutzt wird als vom Bibliothekspublikum . Nebst dem unterschiedlichen Leseverhalten ( Buch , Zeitung ) fällt auch die intensivere Nutzung von PC und Internet 5 durch die Bibliotheksbenutzerinnen auf . Bibliotheksbenutzerinnen schaffen offenbar auch ihre Geräte gezielter an : Nur ein kleiner Anteil ist jeweils in der Kategorie « nie » zu finden , dafür gibt es einen vergleichsweise hohen Prozentsatz , welcher kein TV - oder Video - Gerät besitzt . Tab . 3 Bibliothekspublikum ( Angaben in % N = 617 ) täglich mehrmals / Wo 1x / Woche weniger nie kein 2000 / 09 1 . pdf 4ch e Empfang / Besitz . . . . . . Bücher 64 4 24 8 8 2 2 6 Zeitung 72.9 11.9 7.9 3.9 3 1 0 3 TV 37.1 17.5 24.8 6.3 1.1 26 7 Video 4.7 7.6 11.9 28.5 3.9 32 9 PC * 37.8 15.3 11.6 16.0 3 9 1 5 4 Internet 9 6 16.9 12.1 12.3 7 0 42 1 * Tab . 4 Deutschschweizer ( Angaben in % . N = 489 ) täglich mehrmals / Wo 1x / Woche weniger nie kein ch e Empfang / Besitz Bücher 19.0 18.0 11.6 35 5 1 5 9 . . . Zeitung 67 2 20.9 3 8 3 8 3.9 0 4 TV 49.4 31.5 7.3 5.5 3.8 3 8 Video 3.7 7 9 17.7 35.7 23.2 11.8 PC * 1 0 9 1 4 0 5.8 9.1 29.8 3 0 4 Internet 3.7 2 9 1.4 2.9 4 2 8 46.3 " * zu Hause Neue Medien in der Bibliothek - ein zukunftsträchtiger Beitrag zur Chancen ­ gleichheit Etwa ein Drittel der befragten Bibliotheksbenutzerinnen hat noch nie Internet , E - mail und CD - ROM benutzt . Anhand einer Selbsteinschätzungsskala konnte festgestellt werden , dass erwartungsgemäss Personen mit hohem Bildungsniveau bessere Kenntnisse haben als solche mit tieferem Bildungsstatus . Noch deutlicher als das Bildungsniveau hat die momentane berufliche Situation einen Einfluss auf die Kenntnisse Neuer Medien : Personen in Ausbildung weisen die besten Kenntnisse auf , Erwerbstätige etwas tiefere und Personen die nicht erwebstätig sind haben gar keine Kenntnisse bezüglich Internet , E - mail und CD - ROM oder haben allenfalls einmal jemandem bei der Nutzung zugeschaut . Auch geschlechtsspezifische Unterschiede bezüglich der Internet , E - Mail und CD - ROM - Kenntnisse lassen sich feststellen . Dies lässt sich zu einem grossen Teil darauf zurückführen , dass viele der befragten Frauen momentan nicht berufstätig sind oder in computerfernen Branchen arbeiten und somit die Chancen kleiner sind , im Beruf mit Internet in Berührung zu kommen . Für Bibliotheken bedeuten diese Resultate , dass gerade für Personen , welche nicht erwerbstätig sind , die Möglichkeit , in der Bibliothek Internet , E - Mail und CD - ROM kennenzulernen , sehr wichtig ist . Auch Personen in Ausbildung könnten aber von der Einrichtung und Beratung einer Bibliothek profitieren , sind doch Anwendungsmöglichkeiten und neue Anregungen wichtig für die Internalisierung und Weiterentwicklung der im Ausbildungsprozess erworbenen Kenntnisse . 1 Bibliotheken in der Informationsgesellschaft . Schweizer Bibliotheken auf dem Weg ins neue Jahrtausend . Mit einer Publikumsbefragung an der Stadtbibliothek Winterthur . Lizentiatsarbeit an der Universität Zürich , 1999 . 2 Dr . H . Köstler ( Zentralbibliothek Zürich ) , Dr . R . Luck ( Schweizerische Landesbibliothek ) , Dr . W . Neubauer ( ETH - Bibliothek ) , Dr . P . Wille ( Schweizerische Volksbibliothek ) , Dr . R . Weiss ( Stadtbibliothek Winterthur ) , Dr . Ch . Relly ( Pestalozzi - Gesellschaft Zürich ) 2000 / 09 1 . pdf 53 Um die Vergleichbarkeit der beiden Umfragen zu erhöhen , wurden bei der Reanalyse nur die Befragten aus der Deutschschweiz berücksichtigt . 4 Bildung hoch = Gymnasium , Fachhochschule , Hochschule Bildung mittel = Lehre , Weiterführende Schule ohne Matura , Berufsmittelschule Bildung tief = Oberschule , Real , Sekundärschule 5 wobei darauf hingewiesen werden muss , dass die Daten von H . Bonfa - delli 1997 erhoben worden sind , die Internet - Nutzung in der Zwischenzeit ( bis 1999 ) also gestiegen ist . Priska Bucher , Uetlibergstr . 240 , 8045 Zürich E - Mail : pbucher @ swissonline . ch 2000 / 09 1 . pdf 6
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