Leseforum Schweiz. Literalität in Forschung und Praxis

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Im Archiv finden Sie alle Beiträge, die seit 2010 auf der Online Plattform leseforum.ch erschienen sind. Zugänglich sind auch die jährlichen Bulletins, die der Verein Leseforum Schweiz von 1992 bis 2006 in gedruckter Form publiziert hatte.

Nr. 2016 |1

Mündliche Literalität

Am Anfang der Literalitäts-Erwerbs stehen mündliche Texte: Reime, Verse, Geschichten aus der Phantasie oder Bilderbüchern. Mit dem Hineinwachsen der Kinder in die Schriftkultur verschwinden medial mündliche vermittelte Texte aber nicht aus dem Blickfeld. Im Gegenteil. Dem Vorlesen und Erzählen kommt in der ganzen Schulzeit eine bedeutende Rolle zu – in der Schule und in der Familie. Aber auch im öffentlichen Raum boomen mündliche Literaturformen: Poetry Slams, Rapwettbewerbe, Erzählfestivals, Lesehappenings – kollektives Geschichtenerfinden erfreut sich höchster Beliebtheit.
In der Deutschschweiz zum Beispiel spielt die spoken-word-Formation «Bern ist überall» mit der Mundart und Sprach-Stereotypen, sie entzaubert auf der Bühne, auf CDs und in Büchern die Hochsprache und literarisiert Alltagssprache.

  • Theoretiker und Praktiker scheinen einig darin, Vorlesesituationen als spezifischen Input in der Literalitätsentwicklung zu betrachten. Vor allem in Hinblick auf den Zugang zu konzeptionell schriftsprachlichen Formen, der Kindern durch den in die Mündlichkeit übertragenen Bilderbuchtext bereitgestellt wird, erscheinen Vorlesesituationen als wichtige Ergänzung des alltäglichen Sprachangebots. Inwiefern jedoch die Rezeption von Bilderbüchern, die keinen Text enthalten, der Literalitätsentwicklung zuträglich sein kann, ist theoretisch und empirisch weitestgehend ungeklärt. Diesem Desiderat folgend wurden in dem Beitrag fünf Vorlesegespräche zwischen Kindern (Alter 2;3 bis 5;6) und jeweils einem erwachsenen Interaktionspartner analysiert. Hierbei konnten bestimmte Strategien identifiziert werden, die die Erwachsenen nutzen, um die Kinder in ihrer Literalitätsentwicklung zu fördern. Das besondere Anliegen des Beitrags ist es, aufzuzeigen, dass diese Strategien nicht willkürlich zum Einsatz kommen, sondern in einem Zusammenhang mit dem kindlichen Entwicklungsstand stehen.

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  • Mündliche Literatur macht im deutschsprachigen Raum seit den 1990er Jahren Karriere, die allgemeine Eventisierung von Kulturanlässen hat unzählige Formate von Spoken Word-Literatur hervorgebracht. In der Schweiz trägt insbesondere das mehrsprachige Autorenkollektiv Bern ist überall zur Verbreitung und Akzeptanz von Mündlichkeit und Mundartliteratur bei. Spoken Word-Literatur vollzieht sich in doppelter Autorschaft: schriftlich (der Autor als Schreiber) und mündlich (der Autor als leibhaftiger Performer). Am Beispiel von Nora Gomringer (geb. 1980) und Pedro Lenz (geb. 1965) wird gezeigt, wie sich Sprachperformance ereignet und wie dem Text, der zur Performance vorgesehen ist, Merkmale der Mündlichkeit buchstäblich eingeschrieben sind.

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  • Seit 2009 ist das Erlernen von Slam in den Französischlehrplänen der Sekundarstufe I in Québec vorgeschrieben, obwohl es diese Tradition in Québec erst seit weniger als zehn Jahren gibt. Die Lehrpersonen haben also nach und nach das Hören von Slams oder das Anschauen von Performances in den Unterricht eingebaut, andere haben ihre Schülerinnen und Schüler sogar am Grand slam du secondaire teilnehmen lassen, einem Slamturnier zwischen den Schulen. Im Beitrag wird die Frage gestellt, welche textlichen und semantischen Merkmale in den Texten der Slamer-Schülerinnen und Schüler immer wieder vorkommen. Welche Themen werden bevorzugt? Welche Schreibverfahren werden am häufigsten angewendet? Womit sind ihre Slamperformances vergleichbar? Unsere Studie verfolgt drei Zielen: 1) Beschreibung der textuellen und semantischen Merkmale der Slamtexte der Schülerinnen und Schüler; 2) stimmliche und körperliche Merkmale ihrer poetischen Performances; 3) Verständnis der Verbindungen zwischen der Performance und den geschriebenen Texten. Unsere Analyse zeigt, dass die Slamperformance für Schülerinnen und Schüler ein Raum der Gestaltung und der Selbstbehauptung ist. Auch wenn die didaktische Verankerung des Genres noch nicht abgeschlossen ist, scheint uns angesichts des Lerneffekts seine didaktische Relevanz offensichtlich, wenn es darum geht, den Bezug der Schülerinnen und Schüler zur Schriftlichkeit zu verändern, eine bewusste mündliche Performance vorzubereiten und umzusetzen und individuelle und kollektive Wahrnehmung auszudrücken.

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