Literalität im frühen Kindesalter
Frühe Literalität bildet die Grundlage für schulische Integration, Bildungserfolg und gesellschaftliche Teilhabe. Ihre Entwicklung beginnt lange vor dem Schuleintritt und verläuft als kontinuierlicher Prozess, der auf bisherigen Erfahrungen aufbaut und durch institutionelle Bildungsangebote erweitert wird.
Gerade in der Schuleingangsphase gewinnt die bewusste Begleitung des Übergangs von informellem Spracherwerb hin zu expliziten Bildungsprozessen an Bedeutung. Gleichzeitig zeigen sich bereits beim Schuleintritt grosse Unterschiede zwischen Kindern hinsichtlich ihrer sprachlichen, literalen und medialen Erfahrungen. Diese Unterschiede beeinflussen die weitere Bildungsentwicklung und stellen pädagogische Institutionen vor die Herausforderung, Bildungsangebote frühzeitig, kohärent und qualitativ hochwertig zu gestalten.
Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, Bildungsprozesse über institutionelle Grenzen hinweg zu denken und die Zusammenarbeit zwischen Familien, frühpädagogischen Einrichtungen und Schule zu stärken. Frühkindliche Bildungskonzepte betonen dabei das Kind als aktiven Gestalter seiner Entwicklung. Gleichzeitig erfordert der Übergang in institutionalisierte Lernkontexte eine sorgfältige Balance zwischen individuellen Entwicklungsprozessen und gesellschaftlichen Bildungsanforderungen.
In der Schweiz wurden in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Initiativen zur frühen Sprach- und Literalitätsförderung aufgebaut. Dennoch zeigen Bestandsaufnahmen weiterhin Optimierungsbedarf hinsichtlich Zugänglichkeit, Koordination und Professionalisierung frühpädagogischer Angebote. Besonders wichtig bleibt die Unterstützung von Familien in ihrer Rolle als zentrale Sprach- und Bildungsakteure sowie die Weiterentwicklung alltagsintegrierter Sprachbildung in institutionellen Kontexten.
Die Beiträge dieser Ausgabe greifen diese Perspektiven aus unterschiedlichen wissenschaftlichen und praxisorientierten Blickwinkeln auf. Sie beleuchten frühe literale Entwicklungsprozesse, institutionelle und familiale Förderansätze sowie Fragen der Diagnostik, Professionalisierung und didaktischen Gestaltung früher Bildungsangebote. Gemeinsam zeigen sie, wie frühe Literalität in komplexen sozialen, sprachlichen und institutionellen Kontexten entsteht und gefördert werden kann. Mehr
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Fokusartikel | aus der Wissenschaft
Von Brüchen und Brücken – Durchgängige Sprachförderung aus vorschulischer und schulischer Perspektive
Das Hochschulentwicklungsprojekt «bisKidS» der PHBern dokumentierte für die Lehre am Institut Primarstufe und am Institut für Heilpädagogik, ob und wie Fachpersonen in Berner Kindertagesstätten (Kitas), Spielgruppen und im 1. Zyklus alltägliche Situationen zur integrierten Sprachförderung nutzen. Dabei wurde auch dem Professionsverständnis der Beteiligten in Bezug auf die Nutzung alltäglicher Interaktionssituationen für die Sprachförderung nachgegangen. Besonders fokussiert wurde der Vergleich von Fachpersonen aus der Kita und der Spielgruppe mit Kindergartenlehrpersonen, da sich die pädagogischen Fachkräfte aus dem Vorschulbereich und aus dem Kindergarten in Bezug auf die institutionellen Bedingungen, Ausbildungen und pädagogischen Haltungen unterscheiden. Der vorliegende Beitrag fokussiert auf eine Fragebogenerhebung im Rahmen des Projekts. Ziel des Beitrags ist es herauszuarbeiten, inwiefern die Einschätzung, welche Situationen für die alltagsintegrierte Sprachförderung genutzt werden (können), übereinstimmen respektive sich unterscheiden.
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Fokusartikel | aus der Wissenschaft
Sprachliche und schriftsprachliche Voraussetzungen zu Schulbeginn im Kontext von Mehrsprachigkeit
In einer zweijährigen Längsschnittuntersuchung wurden 117 Erstklässler:innen an 13 Messzeitpunkten zu Vorläuferfertigkeiten, Wortschatz und Schriftsprachkompetenzen getestet. Die Analysen zeigen einen engen Zusammenhang zwischen frühen schriftsprachnahen Kompetenzen (Early Literacy) und späteren Lese- und Rechtschreibleistungen. Die Stichprobe ist sprachlich heterogen: Über 60 % der Kinder (N=70) wachsen mehrsprachig auf, 38 davon mit Deutsch als Zweitsprache (Erwerb >3 LJ). Im Wortschatz zeigen sich Unterschiede, insbesondere zwischen DaZ-Kindern und einsprachig bzw. simultan zweisprachig aufwachsenden Kindern; bei schriftbezogenen Early-Literacy-Fertigkeiten wurden keine signifikanten Gruppenunterschiede gefunden.
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Fokusartikel | aus der Praxis
20 Jahre Professionalisierung im Bereich Frühe literale Förderung: Praxiserfahrungen aus dem SIKJM
Seit sich Anfang der 2000er Jahre der Blick in der Schweiz auf die frühe Kindheit zu richten begann, setzte sich das SIKJM mit früher literaler Förderung auseinander. Ziel der beiden Angebote «Schenk mir eine Geschichte» bzw. «Leseanimator:innen SIKJM» war die Qualifizierung von Vermittler:innen, die im Feld direkt mit Kindern und Erwachsenen (Fachpersonen und Eltern) im Hinblick auf ein vielfältiges Erleben von Sprache, Geschichten und Büchern arbeiten sollen. Die Vermittler:innen von «Schenk mir eine Geschichte» tun dies in unterschiedlichsten Herkunftssprachen direkt in den Familien mit Kindern bis fünf Jahren. Die «Leseanimator:innen SIKJM» sind in verschiedenen Institutionen des Frühbereichs unterwegs, speziell auch in Bibliotheken in Zusammenhang mit «Buchstart». Dieser Artikel zeigt den Weg, wie sich die beiden Angebote in der frühen Bildungslandschaft der Schweiz entwickelt und etabliert haben und mit ihnen auch das SIKJM und thematisiert aktuelle Herausforderungen.
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Fokusartikel | aus der Praxis
Sprachförderndes Handeln von Fachpersonen in Kindertagesstätten
Der Beitrag befasst sich mit der Interaktionsqualität und dem sprachlichen Handeln von Fachpersonen Betreuung (FaBes) in Zürcher Kitas. Zu Grunde liegt die Evaluation des Sprachförderprogramms «Gut vorbereitet in den Kindergarten», durch die PH Zürich im Auftrag der Stadt Zürich. Es wurden Alltagssituationen in 19 Kitas videografiert und basierend auf dem Instrument EULE, das entlang der vier Dimensionen Rahmung und Steuerung, Adaption, Anregung und Sprachliche Mittel die Qualität sprachförderlicher Handlungen einschätzt, analysiert. Für diesen Beitrag wurden einzelne Szenen, basierend auf den Ergebnissen der Evaluation, nochmals genauer hinsichtlich der Interaktionsqualität untersucht. Besonders wirksam sind Situationen, in denen FaBes neben verbalen Äusserungen gezielt Mimik und Gestik einsetzen und auf kindliche Interessen eingehen. Die Studie unterstreicht die aktive Rolle der FaBes als Gesprächsleitende, die durch bewusstes sprachliches Handeln förderliche Sprachlernumgebungen schaffen.
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Fokusartikel | aus der Wissenschaft
Förderung der Lese- und Schreibkompetenz von Kindern im Alter von 5 bis 6 Jahren: didaktische Massnahmen für den Einstieg ins sprachliche Lernen im Fach
Fachdidaktische Forschung weist darauf hin, wie wichtig es ist, dass Schülerinnen und Schüler lernen, sich in den unterschiedlichen Schulfächern zurechtzufinden. Dazu gehört auch, die sprachlichen Mittel zu erwerben, die das Erschliessen fachlicher Inhalte unterstützen.
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Nachdem wir den Begriff der Gestes Langagiers Didactiques (GLD) eingeführt haben, stellen wir ausgewählte Ergebnisse einer Studie vor, die in einer ersten Primarklasse in Frankreich (5–6-jährige Kinder) durchgeführt wurde. Der Fokus liegt auf einer Phase des Schuleintritts, in der die Lernaktivitäten zunehmend fachlich strukturiert und differenziert werden.
Ausgehend von einer vergleichenden Analyse von Texten, die vier Kinder zu Beginn und am Ende der ersten Klasse verfasst haben, zeigen wir auf, welche Gestes Langagiers Didactiques ihnen dabei helfen, den fachlich relevanten Kontext einer Aufgabe klarer zu erfassen und ihr Denken zunehmend domänenspezifisch auszurichten.
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Fokusartikel | aus der Wissenschaft
Lernumgebungen zur Förderung früher Literalität im Kindergarten
Der Artikel entwickelt eine theoretische Perspektive auf literale Praktiken. Dadurch entsteht ein Bezugsrahmen für eine entwicklungsorientierte Pädagogik sowie für Lernumgebungen, die auf die Förderung früher Literalität im Kindergarten ausgerichtet sind.
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Die entwicklungsorientierte Sichtweise stützt sich auf ein funktionales und pragmatisches Verständnis von Sprache und Schrift. Dieses Verständnis bildet die Grundlage für frühe Lese- und Schreibaktivitäten wie interaktive Bilderbuchbetrachtungen, das Diktieren an die Lehrperson sowie Symbol- und Regelspiele.
Die einzelnen Lernsituationen werden zunächst beschrieben und theoretisch untermauert. Im Anschluss illustrieren wir ihre praktische Umsetzung durch eine Lehrperson, die an der ethnografischen Doktoratsstudie von Montminy (2023) mitgewirkt hat.
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Fokusartikel | aus der Praxis
Eine Babybibliothek konzipieren, einrichten und betreiben
Ein ErfahrungsberichtDieses Projekt zur Förderung des Interesses an Büchern basiert auf einer erfahrungsbasierten Analyse der Bedürfnisse von Bibliothekarinnen: Zum einen besteht ein Bedarf an spezifischer Ausbildung, um die Bücherauswahl für Kleinkinder theoretisch zu begründen. Zum anderen benötigen sie Kenntnisse über interaktive Angebote, die Kinder, Eltern und Mitarbeitende der Bibliothek motivieren und ihnen gleichzeitig ermöglichen, sich aktiv einzubringen.
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Die theoretischen Grundlagen des vorgestellten Ansatzes basieren auf vertieften Kenntnissen der psycholinguistischen und sozio-emotionalen Entwicklung von Kindern sowie auf strategischem Wissen zur Gruppenleitung, das die Autorin am Hanen Center für Frühförderung in Kanada erworben hat.
Der vorliegende Artikel, der auf langjähriger Erfahrung in öffentlichen Bibliotheken in unterschiedlichen soziokulturellen Kontexten und sprachlichen Realitäten beruht, stellt einen Ansatz vor, der zahlreiche Familien mit ihren Kleinkindern zusammenführt. Ziel ist es, den Zugang zur gesprochenen Sprache und das Eintauchen in Geschichtenwelten zu erleichtern, indem Begegnungen mit dem Anderssein ermöglicht und sowohl individuelle Besonderheiten als auch die Stärke der Gemeinschaft wertgeschätzt werden.
Die verschiedenen Angebote sollen die Aufmerksamkeit der Kleinkinder wecken, sie für das Zuhören von Geschichten sensibilisieren, ihre Neugier stimulieren und alle fünf Sinne einbeziehen, damit sie mit Emotionen und Freude die Inhalte jedes Bilderbuchs der Babythek entdecken können.
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Fokusartikel | aus der Praxis
Lernstandsbeobachtung – eine Unterstützung zur Förderung des frühen Schriftspracherwerbs
Ein zentrales Problem bei einer entwicklungsorientierten Sicht auf den frühen Schriftspracherwerb besteht darin, dass die ersten Schritte der Literacy-Entwicklung kaum sichtbar sind. Sie verlaufen oft unspektakulär und lassen sich entsprechend nur schwer diagnostisch erfassen.
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Hier setzt die Lernstandsbeobachtung an: Sie legt die reflexiven und metakognitiven Prozesse offen, die ein Kind durchläuft, wenn es sich schrittweise ein Verständnis von Sprache, Zeichen und Schrift aneignet.
Der vorliegende Artikel zeigt das theoretische Potenzial der Lernstandserhebung, die eine entwicklungsorientierte Sicht auf Lesen und Schreiben operationalisierbar macht und gleichzeitig die realen Anforderungen an Beobachtung und Beurteilung im Frühbereich widerspiegelt.
Zur Illustration werden Beispiele aus einer zweijährigen Erprobung in der Praxis im Vorschulbereich vorgestellt, die an einer Schule für Kinder mit Hörbeeinträchtigungen und/oder Sprachentwicklungsstörungen durchgeführt wurde.
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