Digitale (Il)literalität
Die digitale Kluft – nicht nur beim Zugang zu digitaler Ausstattung, sondern auch bezüglich der kompetenten Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien – wird spätestens seit Covid-19 immer offenkundiger, mit inter- und intragenerationellen Unterschieden. Dennoch bleibt das digitale Prekariat ein gesellschaftliches Tabuthema (Grallet 2022). Zwar wird allgemein anerkannt, dass ältere Menschen im Umgang mit der nahezu flächendeckenden Nutzung von Elektronik und Computern Schwierigkeiten haben könnten, doch scheint der Rest der Bevölkerung, insbesondere junge Menschen, die als «digital natives» (Prensky 2001) bezeichnet werden und die der Philosoph Michel Serres (2012) liebevoll «Däumlinge» nennt, in der kollektiven Vorstellung mit einer fast natürlichen digitalen Geschicklichkeit ausgestattet. Nun zeigen die Statistiken zwar tatsächlich, dass mit zunehmendem Alter die digitalen Fähigkeiten weniger entwickelt sind, doch die heutige vollständige Digitalisierung ist auch ein potenzielles Hindernis für die Jugend, insbesondere für die weniger bildungsprivilegierte.
Laut Bundesamt für Statistik verfügten im Jahr 2023 zwar 39% der Bevölkerung in der Schweiz über fortgeschrittene digitale Kompetenzen. Im Umkehrschluss heisst das aber auch, dass weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung nur über minimale, unzureichende oder gar keine Fähigkeiten in diesem Bereich verfügt (vgl. BfS 2023). Ein Ziel des Bundes betrifft denn auch die «erweiterten digitalen Kompetenzen», die unerlässlich sind, «um sich an diese neue Situation anpassen und an den sich digital abspielenden Prozessen in Politik, Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft teilnehmen zu können» (vgl. BfS 2023). Entsprechend ist die Förderung digitaler Kompetenzen – definiert als «sichere und kritische Nutzung einer umfassenden Palette digitaler Technologien für Information, Kommunikation und grundlegende Problemlösungen in allen Lebensbereichen» (UNESCO 2021) – komplexer als der frankophone Neologismus Illectronisme suggeriert, der sich auf die technische (Nicht-)Beherrschung der digitalen Welt konzentriert (Jarousseau 2024), da sie sich auch auf soziale, kulturelle und bildungsbezogene Dimensionen bezieht. Einige Aspekte dieser Komplexität sollen in der vorliegenden Ausgabe beleuchtet werden. Mehr
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Fokusartikel
Digitale Inklusion geht uns alle an
Vorwort zur aktuellen Ausgabe von Elisabeth Baume-Schneider, BundesrätinDie digitale Welt zu verstehen und sich mühelos und mit Selbstvertrauen darin zu bewegen, das ist, zusammen mit Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen, eine Grundfähigkeit, über die mehr als ein Drittel der Schweizer Bevölkerung nicht verfügt. Leider ist digitale Illiteralität in unserem Land eine Realität, was diese Ausgabe von leseforum.ch umso relevanter macht. Und obwohl die Schweiz die digitale Innovation stark vorantreibt, können etwa ältere Menschen, Menschen mit geringerem Bildungsniveau, Frauen und Männer mit Behinderungen und ein Teil der Bevölkerung in prekären Verhältnissen nicht immer davon profitieren.
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Fokusartikel | aus der Wissenschaft
Digitale Transformation im Bildungssystem
Der Beitrag beschäftigt sich mit der Relevanz transformatorischer Prozesse im Bildungssystem, die dazu beitragen können, dass Schulen nicht nur digitalisiert werden, sondern sich zu Orten entwickeln, an denen Kinder und Jugendliche zur kritischen und reflektierten Teilhabe und Partizipation an der digitalen Gesellschaft befähigt werden. Mit dem Navigator Bildung Digitalisierung – einer Konzeptionierung und Orientierung zum Stand der digitalen Transformation im schulischen Bildungsbereich in Deutschland – wird ein Orientierungsrahmen vorgestellt, der 21 Themenfelder digitaler Transformation identifiziert und benennt. Diese Indikatoren können Schulen Orientierung geben und ihnen neue Perspektiven im Rahmen ihres Transformationsprozesses aufzeigen.
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Am Beispiel des Projekts CoTransform wird konkretisiert, wie Schulen in sogenannten Schulfamilien, bestehend aus drei bis fünf Schulen, Veränderungen gemeinsam gestalten können, und wie wissenschaftliches Wissen dabei in der Praxis nutzbar gemacht werden kann. Im Rahmen einer gemeinsamen Entwicklungs- und Implementierungsstrategie wird ein partizipativer Forschungsansatz vorgestellt, bei dem Lehrpersonen nicht nur als Teilnehmende, sondern als aktiv Mitgestaltende der digitalen Transformation verstanden werden.
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Fokusartikel | aus der Praxis
Digitale Textproduktion im Unterricht: myMoment und weitere Praxisbeispiele
Förderung digitaler Literalität in Zyklus 1 – 3Digitale Medien ersetzen nicht einfach Stift und Papier durch ein digitales Werkzeug, sondern verändern das Schreiben weitgehend (Steinhoff, 2022). Dieser Artikel zeigt anhand der Textproduktion, wie Lehrpersonen digitale Literalität fördern können. Dabei werden sowohl die curriculare Verankerung im Lehrplan 21 als auch das SAMR-Modell (Puentedura, 2006) als didaktische Grundlage für die Integration digitaler Medien im Unterricht herangezogen. Neben schreibdidaktischen Aspekten im Sinne des Schreibens als soziale Praxis stehen medienpädagogische Themen im Fokus. Praxisnahe Unterrichtsbeispiele verdeutlichen, wie Schüler:innen in Zyklus 1–3 Texte in verschiedenen Modalitäten und innerhalb einer Schreibcommunity produzieren. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Plattform myMoment, die durch interaktive Funktionen die digitale Textproduktion unterstützt. Durch integrierte Aufgaben erweitert die Neukonzeption (aus www.mymoment.ch wird new.mymoment.ch) die Möglichkeiten, Schüler:innen gezielt auf dem Weg zu digital literaler Kompetenz zu begleiten.
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Fokusartikel | aus der Wissenschaft
«Wer alles glaubt, was er liest, sollte besser aufhören zu lesen.»
Evaluative Bestandteile kompetenten Lesens von Online-Informationen in mehrperspektivischer VerortungDas Internet offeriert als digitales Lesemedium eine Vielzahl von Informationsangeboten. Das ist ein Gewinn für Leser:innen, fordert sie aber auch heraus. Sie können und sollten nicht davon ausgehen, auf echtes Wissen zu stossen, wenn sie recherchieren und lesen. Darum müssen Leseri:nnen hinreichend dazu in der Lage sein, mit epistemisch unsicheren Online-Informationen kritisch-evaluativ umgehen zu können. Der Beitrag widmet sich den dafür nötigen Fähigkeiten und systematisiert sie als Teil einer ersten theoretischen Verortung in zwei Gruppen von epistemischen Strategien. Die Erste-Hand-Einschätzungen dienen mit verschiedenen Analysefokussen dazu, die Gültigkeit des Inhalts direkt zu beurteilen. Zweite-Hand-Einschätzungen sind indirekte Beurteilungen des Inhalts, indem weitere Informationen jenseits der textuellen aus dem jeweils fokalen Dokument herbeigezogen werden. Idealerweise werden diese Einschätzungen über Begründungen substanziiert, die von Analyse und angemessener Kritik zeugen. Dies wird in der zweiten theoretischen Verortung behandelt, die das kritisch-analytische Denken als Grundlage hat. Den Beitrag schliessen vier lesedidaktische Implikationen ab.
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Fokusartikel | aus der Wissenschaft
Lesediagnostik und Leseförderung mit KI
Aktuelle Konzepte und Anforderungen an das Professionswissen von LehrpersonenIn der Deutschdidaktik ist das Aufkommen generativer Künstlicher Intelligenz (KI) auf grosse Resonanz gestossen. Während in der Schreib- und Literaturdidaktik bereits etliche konzeptuelle Vorschläge und erste empirische Untersuchungen zum Einsatz von KI vorliegen, ist eine lesedidaktische Auseinandersetzung mit KI noch stärker im Entstehen begriffen. Letztere speist sich vor allem aus der Hoffnung, dass KI dabei unterstützen kann, den fortwährend schwachen Leseleistungen von Schüler:innen im deutschsprachigen Raum entgegenzuwirken. Um in diesem Zusammenhang einen Überblick über gegenwärtige Entwicklungen zum Lesen im Kontext von KI zu gewinnen, kartiert der Beitrag zunächst aktuelle Konzeptionen zum Einsatz von KI sowie zum Umgang mit KI-generierten Texten im Leseunterricht. Darauf aufbauend wird mit Blick auf die Professionalisierung von Lehrpersonen gefragt, welche Wissensbestände in der Aus- und Fortbildung vermittelt werden müssen, um KI im Rahmen von Lesediagnostik und -förderung sinnstiftend nutzen zu können. Im Fazit werden schliesslich weiterführende Schlussfolgerungen der vorgenommenen Standortbestimmung für die Lehrpersonenaus- und -weiterbildung sowie für die lesedidaktische Forschung gezogen.
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Fokusartikel
*Digitale Inklusion geht uns alle an
Vorwort zur aktuellen Ausgabe von Elisabeth Baume-Schneider, BundesrätinDie digitale Welt zu verstehen und sich mühelos und mit Selbstvertrauen darin zu bewegen, das ist, zusammen mit Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen, eine Grundfähigkeit, über die mehr als ein Drittel der Schweizer Bevölkerung nicht verfügt. Leider ist digitale Illiteralität in unserem Land eine Realität, was diese Ausgabe von leseforum.ch umso relevanter macht. Und obwohl die Schweiz die digitale Innovation stark vorantreibt, können etwa ältere Menschen, Menschen mit geringerem Bildungsniveau, Frauen und Männer mit Behinderungen und ein Teil der Bevölkerung in prekären Verhältnissen nicht immer davon profitieren.
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Fokusartikel | aus der Wissenschaft
Digitale Kompetenz im Jugendalter vermitteln
Definitionen, Kompetenzen und pädagogische StrategienObwohl digitale Literalität für Bildungssysteme eine zentrale Herausforderung darstellt, bleibt ihre Vermittlung in Lehrplänen und Unterrichtspraktiken ein blinder Fleck. Wir schlagen eine Definition und einen konzeptionellen Rahmen vor, der Lesestrategien in den Mittelpunkt der digitalen Kompetenz stellt. Eine wichtige Quelle für Schwierigkeiten bei Jugendlichen ist die Auswahl und Bewertung von Informationen,
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insbesondere wenn diese aus vielfältigen und heterogenen Quellen stammen, wie dies in sozialen Netzwerken der Fall ist. Wir fassen aktuelle und laufende Forschungsarbeiten zusammen, die die Auswirkungen pädagogischer Massnahmen auf verschiedenen Bildungsstufen bei Schülern im Alter von 10 bis 19 Jahren untersucht haben.
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Fokusartikel | aus der Wissenschaft
Grundausbildung in digitaler Bildung
Kompetenzgefühl und digitale Integration von Lehrpersonen im BerufseinstiegDiese Studie untersucht das Kompetenzgefühl von angehenden Lehrpersonen im Bereich der digitalen Bildung, den Stellenwert, den sie der Ausbildung für die Entwicklung dieses Gefühls beimessen, und den Grad der Integration digitaler Medien im Unterricht, gemessen an der Vielfalt der Nutzungsarten. Hierfür wurde ein Fragebogen an Lehrpersonen der Primar- und Sekundarstufe I verschickt, die an drei Ausbildungsinstitutionen in fünf Kantonen der Westschweiz ausgebildet wurden und im Juli 2022 ihren Abschluss gemacht haben. Die Ergebnisse zeigen für beide Gruppen ein mässiges Gefühl der Kompetenz im Bereich der digitalen Bildung sowie einen Zusammenhang zwischen der Bedeutung, die der Ausbildung für die Entwicklung dieses Gefühls beigemessen wird, und dem Grad der digitalen Integration. Aber nur bei Grundschullehrpersonen scheint die Erstausbildung die Entwicklung des Kompetenzgefühls in der digitalen Bildung zu fördern.
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Fokusartikel | aus der Praxis
Der Senioren-Computerclub von Delémont und Umgebung (CAID)
Dieser Artikel stellt den Senioren-Computerclub von Delémont (eine Stadt mit 12'000 Einwohnerinnen und Einwohnern in der Westschweiz) und Umgebung vor, kurz CAID genannt. Er berichtet über seine Geschichte, die Motive für seine Gründung, seine Ziele, seine Philosophie, seine Arbeitsweise und die Herausforderungen, denen sich die Animationsgruppe und ihre Mitglieder gegenüberstehen. Es werden die aktuellen Perspektiven für die digitale Integration älterer Menschen thematisiert und abschliessend berichten einige Mitglieder darüber, was ihnen der Club bringt.
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Fokusartikel
*Digitale Inklusion geht uns alle an
Vorwort zur aktuellen Ausgabe von Elisabeth Baume-Schneider, BundesrätinDie digitale Welt zu verstehen und sich mühelos und mit Selbstvertrauen darin zu bewegen, das ist, zusammen mit Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen, eine Grundfähigkeit, über die mehr als ein Drittel der Schweizer Bevölkerung nicht verfügt. Leider ist digitale Illiteralität in unserem Land eine Realität, was diese Ausgabe von leseforum.ch umso relevanter macht. Und obwohl die Schweiz die digitale Innovation stark vorantreibt, können etwa ältere Menschen, Menschen mit geringerem Bildungsniveau, Frauen und Männer mit Behinderungen und ein Teil der Bevölkerung in prekären Verhältnissen nicht immer davon profitieren.
Dieser Text ist die italienische Version des Vorworts von Bundesrätin Elisabth Baume-SchneiderWeiterlesen im PDF (Italienische Version) (IT)
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Weiterer Artikel | aus der Wissenschaft
Systematische Leseförderung bei leseschwachen Schüler:innen
Antworten und offene Fragen nach 18 Monaten empirischer Begleitforschung zum Projekt «Lies mit»Sechs Hamburger Grundschulen in sozial herausfordernder Lage führten 2015 ein fest im Stundenplan verankertes Leseband ein, um mit empirisch überprüften Lautleseverfahren das Lesen der Schüler:innen zu fördern. Der Erfolg des Projekts inspirierte andere Standorte zum Transfer der Projektidee.
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Der Beitrag stellt das Projekt «Lies mit» vor, das von Juni 2022 bis Dezember 2023 durch die Reinhard Mohn Stiftung in der Bildungsregion Gütersloh umgesetzt wurde und die Idee der systematischen Leseförderung um ein formatives Assessment und eine umfassende Fortbildung für Lehrkräfte in den Klassen 1-4 erweiterte. Nach 18 Monaten zeigten quantitative Ergebnisse signifikante Verbesserungen der Lesefähigkeiten, unabhängig von Geschlecht, Migrationshintergrund, Leistungsstand und Jahrgangsstufe. Allerdings zeigten Detailanalysen unterschiedliche Fördereffekte, abhängig von Rahmenbedingungen und Unterrichtsqualität. Auch blieb, trotz Kompetenzzuwächsen, der Rückgang der Lesemotivation über die Grundschulzeit bestehen. Abschliessend werden demzufolge Fragen zur Unterrichtsqualität aufgeworfen, die durch die bisherige Datenlage noch unbeantwortet bleiben.
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