Beurteilung des Lesens und Schreibens in der Primarschule

Foto: Katharina García

Thema der Nummer 3/2014
Von Murielle Roth
Das Thema Beurteilung ist in der Schule schon immer von grosser Bedeutung gewesen. Lehrerinnen und Lehrer müssen regelmässig die Lernfortschritte und Lernschwierigkeiten ihrer Schülerinnen und Schüler überprüfen. Dabei lassen sich unterschiedliche Ansätze feststellen: Anstelle von subjektiven, nicht nachvollziehbaren Bewertungen werden heute transparente Beurteilungsformen gefordert, bei welchen die Lernzielüberprüfung und das Bestimmen von Leistungsniveaus anhand von vorgängig bestimmten Kriterien erfolgen. Allerdings lassen sich Fähigkeiten wie Kreativität, das Ausdrücken von Gefühlen oder das literarische Gestalten mit objektiven Kriterien nicht angemessen erfassen – auch, weil sie auf einem unkonventionellen Umgang mit Normen beruhen (Sève 2005). Zudem erfolgt die Beurteilung des Leseverstehens häufig anhand von produktiven Sprachhandlungen. Hier stellt sich die Frage, wie komplexe Verstehensleistungen sichtbar gemacht werden können, und wie eine Fragmentierung in einzelne messbare Teilaspekte vermieden wird.

In dieser Nummer von leseforum.ch werden wissenschaftliche Studien und Praxismodelle vorgestellt, die sich mit der Beurteilung des Lesens und Schreibens in der Schule befassen. Dabei geht es u.a. um folgende Fragen: In welcher Beziehung stehen die Förderung und die Beurteilung von literalen Fähigkeiten? Wie lassen sich das Verstehen und das Verfassen von Texten beurteilen? Welche Beurteilungspraktiken verwenden Lehrerinnen und Lehrer?

Zu den Artikeln


 

Wie kann das Lesen mit Bezug auf den Lehrplan der französischen Schweiz beurteilt werden?

Abstract | von Murielle Roth, Jean-François de Pietro et Véronica Sánchez Abchi
Mit Inkrafttreten des neuen Lehrplans der französischen Schweiz (Plan d’études romand PER) stellen sich verschiedene Fragen, unter anderem auch hinsichtlich der Beurteilung. Der PER bildet den Bezugsrahmen für das Lehren und Lernen. Er beschreibt die Bildungsziele und -inhalte für alle Schülerinnen und Schüler während der obligatorischen Schulzeit. In Bezug auf die Beurteilung bleibt er aber eher vage: Was genau soll beurteilt werden? Welchen Stellenwert haben die genannten Ziele (Kenntnisse, Fertigkeiten, Kompetenzen usw.)? Welche Art von Fähigkeiten (konzeptionelle, praktische) und welcher Fähigkeitsniveaus werden erwartet?

In diesem Artikel wird am Beispiel des Leseverstehens ein Beurteilungsrahmen vorgestellt, der mit dem Lehrplan kompatibel ist. Er berücksichtigt die Eigenheiten der zu beurteilenden Gegenstände sowie unterschiedliche Situationen, in welchen diese Gegenstände relevant werden (z.B. kommunikative Aufgaben, Übungen, oder komplexe Problemstellungen). Auf der Basis einer Analyse von offiziellen Dokumenten, Lehrmitteln und Testinstrumente befassen sich die AutorInnen zunächst mit «Lesefähigkeiten», um die Bedeutung des «Textverstehens» herauszuarbeiten. In einem zweiten Schritt erarbeiten sie  Konsequenzen ihrer Befunde für das Beurteilen. Die Analyse zeigt, dass es für unterschiedliche Gegenstände der Beurteilung auch unterschiedliche Beurteilungsformen braucht. Im Hinblick auf eine weiterführende Diskussion formulieren die AutorInnen abschliessend einige Prinzipien für eine Lehrplankonforme Beurteilung.

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Experten- und Novizen-Feedback in der Domäne Schreiben

Abstract | von Afra Sturm
Dieser Beitrag geht ausgehend von empirischen Befunden zur Wirksamkeit verschiedener Feedback-Verfahren der Frage nach, welche instruktionalen Merkmale eine entscheidende Rolle spielen. Dazu wer-den die beigezogenen Ansätze nach Peer-Feedback, Fremdbeurteilung durch Lehrpersonen sowie Selbst-beurteilung gruppiert und einander gegenübergestellt. Da produktbezogene Verfahren übervertreten sind, werden diese im Zentrum stehen. Dennoch werden auch einige wenige prozessbezogene Ansätze disku-tiert. Eine wichtige Folgerung für die Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen besteht darin, Beurteilen vermehrt als gemeinsame Aufgabe von Lehrpersonen und Lernenden zu sehen.

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Didaktische Analyse der Beurteilungspraxis von Schreibkompetenzen beim Schuleintritt: Eine vergleichende Fallstudie

Abstract | von Florence Mauroux
Ziel dieser Studie ist es, die Praxis und die ihr zugrunde liegenden Konzepte von zwei Lehrerinnen der ersten Klasse beim Beurteilen von Schreibfähigkeiten zu beschreiben und zu untersuchen. Mit Bezug auf psycholinguistischen Arbeiten zur hohen Relevanz früher Schreibaktivitäten haben die AutorInnen ein didaktisches Arrangement zur diagnostischen Beurteilung von Schreibfähigkeiten entwickelt, welches von den beiden Lehrerinnen umgesetzt wurde. Durch Analysen der mit den Lehrerinnen geführten Interviews und der videografierten Unterrichtseinheiten konnten Merkmale des professionellen Handelns identifiziert werden, die mehr oder weniger gut für das Beurteilen von Schreibfähigkeiten geeignet sein dürften.

Lesen Sie den Fokusartikel 3 (in Französisch)



Beurteilung von Texten mehrsprachiger Schülerinnen und Schüler

Abstract | von Wilhelm Grießhaber
Dieser Beitrag befasst sich mit der Beurteilung von Texten mehrsprachiger Schülerinnen und Schüler. Es geht zunächst um Grundlagen der Textbeurteilung und Verfahrensweisen der Bewertung. Anschliessend wird gezeigt, wie Zweitsprachkenntnisse mithilfe einer sogenannten Profilanalyse ermittelt und in die Beurteilung miteinbezogen werden können. Danach werden weitere Kriterien und Verfahren zu Aspekten der satzübergreifenden Textbeschaffenheit sowie zu Umfang und Tiefe des zweitsprachlichen Wortschatzes behandelt. Auf dieser Grundlage wird die schrittweise Beurteilung von sehr frühen Texten und von Texten in späteren Schuljahren anhand von Beispielen erläutert. Abschliessend werden auf der Basis der Textbeurteilung Überlegungen zur Förderung vorgestellt.

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