Literalität im Schnittfeld von Familie, Frühbereich und Schule

Foto: Clara Neugebauer

Thema der Nummer 3/2015
Von Dieter Isler
Die sprachlichen Praktiken in Familien, vorschulischen Bildungseinrichtungen und in den ersten Schuljahren sind für den Erwerb literaler Fähigkeiten von nachhaltiger Bedeutung. Dabei spielen die Repertoires an Sprachhandlungen sowie die Anregungs- und Unter-stützungsleistungen bei ihrer interaktiven Realisierung eine zentrale Rolle: Für den Erwerb früher literaler Fähigkeiten sind Kinder darauf angewiesen, dass in ihren Lebens-welten "mündliche Texte" in ausreichender Häufigkeit vorkommen, und dass sie bei deren Produktion und Rezeption unterstützt werden.
Diese Gelegenheitsstrukturen divergieren nicht nur fallspezifisch zwischen einzelnen Familien, sondern auch institutionenspezifisch zwischen Familien, Betreuungs-einrichtungen und der Schule. Deshalb muss eine Sprachförderung, die zum Abbau von Bildungsbarrieren beitragen will, allen Kindern Repertoires und Unterstützung für den Erwerb früher literaler Fähigkeiten anbieten.

In dieser Nummer von leseforum.ch werden Beiträge vorgestellt, die sich mit Gelegenheitsstrukturen der sprachlichen und literalen Bildung in vorschulischen und schulischen Kontexten befassen.

Zu den Artikeln


 

Unterrichtsgespräche als Erwerbskontext:
Kommunikative Gelegenheiten für bildungs-sprachliche Praktiken erkennen und nutzen

Abstract | von Vivien Heller und Miriam Morek
Der Beitrag geht der Frage nach, wie Unterrichtsgespräche in der Schule genutzt werden können, um bildungssprachliche Fähigkeiten von Schülerinnen und Schülern zu fördern. Er fokussiert am Beispiel des Erklärens und Argumentierens die Ebene globaler diskursiver Praktiken. Anhand authentischer Unterrichtsdaten zeigt er auf, mit welchen interaktiven Verfahren Lehrkräfte Gelegenheiten für schülerseitige Diskursbeiträge schaffen und in partizipations- und diskurserwerbs-förderlicher Weise nutzen können. Empirische Befunde aus der Unterrichts- und Erwerbsforschung werden zu einem Konzept unterrichtsintegrierter Diskursförderung zusammengeführt.

Lesen Sie den Fokusartikel 1

Bilderbücher vorlesen in der Vorschule: Merkmale einer praktischen Kompetenz

Abstract | von Véronique Boiron
Mit diesem Beitrag soll das Verständnis von Praktiken des Vorlesens von Bilderbüchern in der Vorschule (école maternelle) vertieft werden. Die Autorinnen haben während mehrerer Jahre Vorlesepraktiken von pädagogischen Fachpersonen der unteren, mittleren und oberen Stufe der Vorschule  (mit Kindern zwischen 3 und 6 Jahren) beobachtet. Diese Praktiken haben sie im Hinblick auf das Wissen und Können der Lehrpersonen analysiert. Es zeigt sich, dass die Lehrpersonen primär das verstehen der Bilderbuch-Geschichten durch die jüngsten Kinder im Auge haben. Um dieses Ziel zu erreichen, veranlassen die Lehrpersonen die Kinder zu sprachlichen Aktivitäten, die über Materialität des Texts und der Bilder hinausführen. Dies erlaubt ihnen, mit den Kindern geteilte Bedeutungen zu erarbeiten und spezifisch schulische Bezüge zu den literarischen Werken herzustellen.

Lesen Sie den Fokusartikel 2

Analyse von Gesprächssequenzen, in denen von „Daheim“ geredet wird   – Einblicke in das diskursive Handeln von Fachpersonen in Spielgruppe und Kita

Abstract | von Simone Kannengieser
Aus den Videodaten des MeKi-Forschungsprojekts zur alltagsintegrierten Sprach-förderung in Spielgruppen und Kitas werden im vorliegenden Beitrag Interaktions-sequenzen neu untersucht. Es interessieren Gespräche, die sich auf etwas Häusliches oder Familiäres vom Kind beziehen. Dieses Thema ist für Kinder im Übergang zwischen familiärer Lebenswelt und ausserfamiliärem Bildungsweg besonders bedeutsam. Das Reden über Abwesendes spielt zudem eine wichtige Rolle in der diskursiven Entwicklung der Kinder. Dazu werden theoretische Grundlagen zusammengefasst. Der empirische Blick richtet sich dann kontrastierend auf Handlungsweisen von Fachpersonen in diskursiv ergiebigen und wenig ergiebigen Interaktionssequenzen. Ihre kommunikative Flexibilität, die kommunikative Unterstützung, die sie den Kindern geben, die Übernahme der kindlichen Sicht und die Behandlung der abwesenden Referenten tragen dazu bei, welche kommunikative Rolle dem Kind und welche Relevanz seinen Beiträgen implizit zugeschrieben wird. Anhand von Mikroanalysen von Gesprächsauszügen wird gezeigt, wie die Zuweisung einer mehr oder weniger bedeutsamen kommunikativen Rolle an das Kind zustande kommt.

Lesen Sie den Fokusartikel 3

Genese von Kausalitätsbeziehungen in Erzählungen im Kontext von Bilderbuch­gesprächen zwischen Müttern und Kindern

Abstract | von Claudia Sánchez und Hélène Makdissi
Für die frühe Förderung der Strukturier­ungsfähigkeiten beim Erzählen braucht es Kenntnisse über die Entstehung und Ausdifferenzierung von Kausalitäts­beziehungen, die dem Verständnis von erzählenden Texten zugrunde liegen. Ziel dieser Fallstudie ist es, die Genese der Fähigkeit, Kausalbeziehungen auszu­drücken, bei einem Jungen zwischen 1;11 und 3;4 Jahren nachzu­zeichnen. Die Auswertungsergebnisse von vier Bilderbuchgesprächen zwischen Mutter und Kind weisen darauf hin, dass der Junge bereits mit 1;11 Jahren Kausalitätsbeziehungen zum Ausdruck bringt, die zur Konstruktion makro­struktureller Elemente der Erzählung beitragen. Diese ersten beobachteten Beziehungen stellen eine Vorform von Kausalität dar, bei welcher Ursache und Folge noch gleichzeitig ausgedrückt werden. Sie scheint dem Auftreten von erklärend/retrospektiven und prospektiven kausalen Äusserungen vorauszugehen.

Im Verlauf der Vorlese­gespräche werden die Kausalitätsbe­ziehungen vielfältiger und komplexer, wobei sich zwei Tendenzen zeigen: von simultanen zu stärker prospektiven Äusserungen sowie von oberflächlichen zu tiefenstrukturell relevanten Äusserungen.

Lesen Sie den Fokusartikel 4

 



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